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KOMM-IN stellt vor: Stadt Hamm

„Älter werden – aktiv bleiben“: Das Hammer Projekt zur „Integration älterer Zuwanderer in das Netz der Altenhilfe“ gibt Aufschlüsse über die wirklichen Bedürfnisse einer wachsenden Bevölkerungsgruppe

 

Unauffällige Zielgruppe mit zunehmender Bedeutung

Hintergrund des im Juni 2009 startenden KOMM-IN-Projekts bildeten bereits in Schwung gekommene Anstrengungen der Stadt Hamm, ihre Seniorenpolitik auf ein zukunftsorientiertes Fundament zu stellen, konkret: für ältere Bürgerinnen und Bürger Strukturen zu schaffen und auszubauen, die ihnen eine selbständige Lebensführung im gewohnten Umfeld bis ins hohe Alter erlauben.

Hierbei wurde die Einbindung der Zielgruppe zugewanderter Senioren von Anfang an als besondere Herausforderung erkannt: Neben der deutlich wachsenden Zahl älterer Menschen mit Zuwanderungsbiographie sind nämlich auch Veränderungen zum Beispiel im Bereich familiärer Hilfemöglichkeiten zu erwarten. Gleichzeitig traten Senioren mit Migrationserfahrung bislang kaum aktiv als Kunden einschlägiger Hilfs- und Auskunftsstellen oder als Nutzer von Informationsmaterialien in Erscheinung. Aber auch den lokalen Akteuren der Integrationsarbeit war das bereits durchaus umfangreiche Angebot an beratenden, unterstützenden und sonstigen Hilfen für ein selbständiges Alter nicht hinreichend bekannt oder transparent.

 

Sich kennen lernen und handeln – Netzwerkbildung und Bestandsaufnahmen

In dieser Situation bestand der erste notwendige Schritt, ganz im Sinne bewährter KOMM-IN-Tradition, in der überfälligen Vernetzung der lokalen Integrationsakteure unter der Leitung der Abteilung Integrationsförderung im Amt für Soziale Integration. Eine grundlegende Bestandsaufnahme vorhandener Alltagshilfen und Unterstützungsangebote zur sozialen und pflegerischen Versorgung im Alter wurde erstellt, um diese dann um passgenaue Angebote für zugewanderte Senioren ergänzen zu können.

Mitte August fand ein erstes Treffen des neu geschaffenen „Netzwerks Integration von Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund“ statt. Teilnehmer waren Vertreter/innen aus Migrantenselbstorganisationen, verschiedenen Fachberatungsstellen  der Wohn-, Pflege-, Migranten- und Seniorenberatung, aus politischen Gremien wie Integrationsrat und Seniorenbeirat und aus Vereinen und Stadtteilbüros, Akteure, die auch zur Bestandsaufnahme beitrugen.

 

Der nächste Schritt: näher an die Menschen – mit Kontaktleuten der eigenen Ethnie

Auf dem Programm stand sodann ein zusammen mit dem in das Projekt einbezogenen Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik in Köln zu entwickelnder Fragebogen, der sich an den Ergebnissen der erfolgten Bestandsaufnahme orientierte. Dieser Fragenkatalog diente als Instrument bei der persönlichen Befragung der relevanten lokalen Zuwanderergruppen in ausgewählten Stadtteilen Hamms. Rund 200 Menschen über 50 Jahren aus den Herkunftsländern Türkei, Russische Föderation, Polen und Marokko wurden schwerpunktmäßig interviewt.

Schon vor Projektbeginn war Kontakt aufgenommen worden zur Koncatepe Universität der türkischen Partnerstadt Afyon. Sie entsandte fünf Studenten, die im Verein mit zehn in Hamm wohnhaften zugewanderten Ehrenamtlichen ethnienspezifisch die Befragungen vornahmen. Die Ethnienzugehörigkeit sollte die Vertrauensbildung erleichtern und mögliche sprachliche Verständigungshürden beiseite räumen. Der Kreis der Befragten rekrutierte sich aus dem Bekanntenkreis der Interviewer und über Vermittlung der Migrantenselbstorganisationen und Vereine. Dabei widmete man besonderes Augenmerk der angemessenen Repräsentanz dieser älteren Zuwanderer bezüglich der jeweiligen Ethnien und Stadtteile.

Unter Koordination des Stadtteilbüros Hamm-Westen zogen schließlich im September 2009 fünfzehn muttersprachliche Frauen und Männer zu den insgesamt 206 Befragungen los, ausgerüstet mit Fragebogen, einem Seniorenwegweiser, der Bestandsübersicht und einer „Taschenkarte“, die an wichtige Verhaltensmaßregeln und Tipps der zuvor stattgefundenen Schulung erinnerte.

 

Zuwanderer in Hamm: Wie leben sie heute, wie wollen sie morgen leben?

Angeleitet von ihrem umfangreichen und detaillierten Fragenkatalog, ermittelten die Ehrenamtlichen in den Gesprächen die Einschätzung zugewanderter Senioren zu ihrer gegenwärtigen Situation und ihren Zukunftsvorstellungen und –plänen. Die Interviews umfassten Fragenkomplexe zu demografischen Grunddaten wie Geschlecht, Alter und Herkunftsland, zu objektiven und subjektiven Integrationsindikatoren (Sprachkenntnisse, Aufenthaltsgewohnheiten einerseits, Selbsteinschätzung der eigenen Integration andererseits), zur Lebensplanung im Alter, zur Bekanntheit vorhandener und den Wünschen nach zu schaffenden Unterstützungsangeboten im Alter sowie zu Hilferessourcen im sozialen Umfeld

 

Wichtige Aufschlüsse…

Wie erhofft lieferte die Befragung erhellende Aussagen zu den genannten Integrationskriterien wie Sprachkenntnisse, Bezug zum Herkunftsland, Vorstellungen zur dauerhaften Niederlassung, kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe. Erwartungsgemäß zeigten sich dabei zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen den Ethnien. Während zum Beispiel insgesamt ein Drittel der Befragten die deutsche Sprache gut beherrscht, zeigt sich im Detail ein heterogenes Bild: So sprechen immerhin 90% der polnischstämmigen Frauen und 66% der Männer gutes bis sehr gutes Deutsch, gefolgt von Frauen aus Russland (61%), männlichen Marokkanern (60%) und der Gruppe männlicher russischstämmiger und weiblicher aus Marokko zugewanderter Hammer Bürger. Deutliches Schlusslicht mit 9% schlecht und 24% sehr schlecht Deutsch sprechenden Befragungsteilnehmerinnen war die Gruppe türkischstämmiger Frauen.

Es stellte sich heraus, dass zwar 45% der Befragten regelmäßig ihr Herkunftsland besuchen, allen voran Menschen aus der Türkei und Marokko, insgesamt aber 26% in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus leben, von den Polenstämmigen  und den aus Marokko Zugewanderten sogar 47 respektive 46%, bei den türkeistämmigen Mitbürgern immerhin noch ein Drittel, sicherlich ein Hinweis auf ein Heimischfühlen in der Aufnahmegesellschaft.

Hinsichtlich kultureller Teilhabe wurden Gewohnheiten der Zeitungslektüre und des Fernsehkonsums abgefragt. Im Bereich der Zeitungslektüre ergab sich dabei ein relativ ausgeglichenes Bild mit 37% Lesern, 22% Leserinnen von ausschließlich oder überwiegend Zeitungen des Herkunftlands, 30%  bzw. 25% Lesern und Leserinnen gleichermaßen deutscher wie sonstiger Zeitungen und 11% (13%) von ausschließlich zu deutschen Zeitungen greifenden Zugewanderten. Immerhin 32% der befragten Frauen gaben an, gar keine Zeitungen zu lesen. Besonders Zuwanderer aus Marokko und der er Türkei sehen sich bevorzugt Fernsehprogramme des Herkunftslands an, während polnische Migranten das deutsche Fernsehen vorziehen. Mit 46% der Männer und 49% der weiblichen Zuwanderer erfreuen sich diese Programme aber insgesamt großer Beliebtheit, wobei aber ein Drittel der Interviewten gleich oft deutsche wie andere Programme ansieht.   

 

…und einige Überraschungen

Wichtige Angaben erfolgten auch auf Fragen nach der gesellschaftlichen und sozialen Einbindung, der subjektiven Befindlichkeit am Wohnort und Erfahrungen von Benachteiligung: 77% der Befragten haben täglichen Kontakt zu Personen der eigenen Ethnie, nur etwa halb so viele zu deutschstämmigen Mitbürgern. Immerhin ein Drittel gibt an, sogar seltener als einmal pro Woche mit „Einheimischen“ zu kommunizieren. Entgegen mancher öffentlichen Erwartung fühlten sich aber ¾ der Aufgesuchten niemals wegen ihrer Herkunft benachteiligt, nur 3% teilten mit, diese Erfahrung sogar öfter gemacht zu haben.

Ebenfalls interessante und manchmal überraschende Auskünfte wurden den Interviewern auch zuteil beim Fragekomplex zur weiteren Lebensplanung der Senioren. Im Rahmen des bekannten Trends verbleibt hier zunächst das Ergebnis, dass 60% für immer in Deutschland bleiben wollen, wobei der Wunsch, viel Zeit mit der Familie zu verbringen, an erster Stelle der Altersbeschäftigungen steht, gefolgt von der Pflege eigener Hobbies, und, insbesondere bei den Männern, dem Engagement in vornehmlich religiös ausgerichteten Vereinen. Bei Fragen zur Wohnqualität zeigte sich, dass ¾ der Zugewanderten ihre Wohnungen für altersgerecht erachten, die Wohnsituation überwiegend als zufriedenstellend gesehen wird, ein Ergebnis, das nicht unbedingt erwartbar war. Im Falle der Pflegebedürftigkeit wünscht sich die Mehrzahl eine Betreuung durch die Kinder. Weit dahinter rangieren die Optionen einer Rückkehr ins Herkunftland oder ein Umzug in ein zuwanderergerechtes Pflegeheim (8%). Bemerkenswert ist, dass sich offensichtlich noch wenigere (3%) mit dem Gedanken eines Pflegeheims nur für Zuwanderer anfreunden können. Im Übrigen scheint die gegenseitige Unterstützung der Verwandten und Generationen in Hamm entgegen Trendbeobachtungen noch der Regelfall zu sein. 88% meinten darauf bauen zu können, dass Kinder und Enkel ihnen bei Hilfsbedürftigkeit beistehen werden.

 

Bestätigungen und Herausforderungen

Auch wenn die Befragungsergebnisse angesichts eines geschätzten Anteils von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte an der Hammer Gesamtbevölkerung von 30% im streng statistischen Sinne nicht als repräsentativ gelten durften, lieferten sie wichtige Anhaltungspunkte für die weitere Senioren- und Integrationsarbeitarbeit der Stadt.

„Mehrheit fühlt sich wohl!“ – so titelte der lokale „Westfälische Anzeige“ angesichts des Tenors der Interviewantworten - und in Anbetracht einer Quote von über 90% Befragter, die sich direkt so geäußert hatten. 38% gaben sogar an, sich als Zugewanderte in Hamm „sehr wohl“ zu fühlen. Dies freute auch den städtischen Integrationsbeauftragten Günter Schwibbe, der darauf hinwies, dass in anderen Städten oft entgegengesetzte Stimmungsbilder zu Tage kämen. Die Projektverantwortlichen begnügten sich allerdings nicht mit der Genugtuung darüber, dass in Hamm das Bemühen um ein zuwandererfreundliches Klima offenbar Früchte trägt, sondern legten den Finger gleich auf eine Reihe wunder Punkte, die im Rahmen der Befragung gleichfalls offenbar wurden. So sollen zum Beispiel die nur gut der Hälfte der Interviewten bekannten Beratungsangebote und die angegliederten Unterstützungs- und Hilfsangebote durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit unter zielgerichteter Einbindung der Migrantenselbstorganisationen und –vereine und unter Verwendung der in der Projektarbeit erstellten Angebotsübersicht publik gemacht werden.

Obschon Zuwanderer in Hamm den Lebensalltag in der „Aufnahmegesellschaft“ mehrheitlich wohl als problemlos empfinden, soll angesichts der zum Ausdruck gekommenen Tendenz zum Rückzug in die eigene Ethnie verstärkt die interkulturelle Begegnung, besonders die Kooperation von Seniorengruppen der verschiedenen Ethnien einschließlich der deutschen ermutigt werden.

Da immerhin 24% der Auffassung waren, in einer nicht altengerechten Wohnung zu leben, sollen verstärkt Informationen über Wohnformen im Alter und sonstige heimische Unterstützungen an die Zielgruppe gebracht werden. Auch ist geplant, über das Wohnungsförderungsamt den noch nicht hinreichend artikulierten Bedarf an Wohnungen für ältere Zuwanderer zu eruieren und bereitstellen zu lassen.

Schließlich wird aufgrund der demoskopischen Entwicklung eine umfassende interkulturelle Ausrichtung der gesundheitlichen und pflegerischen Dienste und ihrer Ausbildungsgänge gefordert. Angesichts des vorherrschenden Wunsches nach einer Pflege durch Anverwandte ist die entsprechende Qualifizierung entsprechender Personen beabsichtigt, wobei in diesem Rahmen auch die tatsächlich vorhandenen Ressourcen überprüft werden können.

All diese Vorhaben, die den Planungskatalog der Stadt aber noch nicht erschöpfend wiedergeben, sind auch nur zu realisieren über die Arbeit des „Netzwerks Integration von Senioren mit Migrationshintergrund“, das das Projekt auf den Weg brachte.

 

Ansprechpartnerin

Barbara Kinne
Tel.: 02381/17-6630
Fax: 02381/17-106630
E-Mail: Kinne@Stadt.Hamm.de




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