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KOMM-IN stellt vor: Kreis Düren

"Potentiale der Vielfalt" – Wie der Kreis Düren durch ein interkommunales Projekt die unternehmerischen Aktivitäten zugewanderter Menschen und damit auch die Wirtschaftskraft in der Region Aachen fördert.

 

Mit Engagement und Mut: Zuwanderer wagen sich verstärkt in die Selbständigkeit

„Ausländer scheinen weniger zögerlich (als ihre deutschstämmigen Mitbürger) zu sein, wenn es um Selbständigkeit, um Risiko und Rendite geht“: Diese Vermutung der Migrationsbeauftragten des Kreises Düren, Sybille Haußmann, wurde zur Gewissheit nach Beendigung eines Projektes im Rahmen der KOMM-IN-Förderung im Jahre 2007, das die kreisweite Unterstützung von Unternehmern mit Zuwanderungsgeschichte zum Ziel hatte.

Damals wollte man Aufschluss erlangen darüber, wie viele Eingewanderte im Kreis sich tatsächlich als Unternehmer versuchen, in welchen Bereichen sie sich betätigen und welche Hilfestellungen insbesondere Existenzgründer und Jungunternehmer benötigen. Antworten lieferte eine empirische Studie, die Aufsehen erregte, dokumentierte sie doch die erstaunlichen Dimensionen des bis zu diesem Zeitpunkt kaum bekannten unternehmerischen Lebens Zugewanderter. Es stellte sich heraus, dass mehr als 1.600 Ausländer im Kreis Düren selbständig tätig sind, die Zahl aller Unternehmen mit einem Zuwanderungshintergrund einschließlich Spätaussiedler und Eingebürgerter wurde gar auf 2.500 bis 3.000 geschätzt. Jedenfalls überraschte die ermittelte „Chefquote“ von 6,2% unter den Kreisbürgern mit ausländischem Pass auch die Projektleiter, die eine „völlig unerwartet hohe Zahl“ registrierten, besonders im direkten Vergleich zur Quote deutscher Unternehmer von lediglich 4,4%.

 

Risikobereit, aber nicht immer gut beraten: Bedarf an professioneller Information und Förderung

Ein weiteres Ergebnis der Studie belegte, dass unternehmerisch tätige Zuwanderer einerseits zwar durchaus selbstbewusst den Risiken der Selbständigkeit ins Auge sehen, wobei gut die Hälfte auch auf das Abitur oder einen akademischen Abschluss verweisen können, auf der anderen Seite aber oft erstaunlich hemdsärmelig agieren. So nutzten offensichtlich weniger als 10% Informationen der kommunalen Wirtschaftsförderungegesellschaft, nur jeder Fünfte griff auf Angebote von IHK und Handwerkskammer zurück. 50% vertrauten dagegen auf die Ratschläge von Freunden und Verwandten. Auch gute Deutschkenntnisse, obwohl von den meisten als wesentliche Voraussetzung erfolgreichen Wirtschaftens genannt, waren dennoch keine Selbstverständlichkeit. Es war demnach höchste Zeit, die hohe Motivation durch ein solideres Fundament zu stützen. Landrat Wolfgang Spelthahn stellte dazu fest: „Mit unserer Studie haben wir eine Brücke zwischen unseren klassischen Institutionen der Wirtschaftsförderung und den Migrantenunternehmen geschlagen. Wir wissen nun, dass wir sie auf den herkömmlichen Wegen kaum erreichen und können nun gezielt andere einschlagen, um sie zu beraten und zu unterstützten. Das ist sehr wichtig – für ihre Integration und unsere Wirtschaft.“ Erfolge der verbesserten Ansprache unternehmerischer Zuwanderer und solcher, die es werden wollen, zeigten sich schon bald, zum Beispiel. in Form von Seminaren für türkische und afrikanische Existenzgründer oder in Gestalt eines internationalen Unternehmerstammtisches, an dem Ideen entwickelt und Geschäftskontakte vermittelt werden: Ein türkischer Elektro-Ingenieur für Spezialgeräte bspw. fand auf diesem Weg mit 15 Mitarbeitern Zugang zum ukrainischen Markt, und eine russlanddeutsche Unternehmerin konnte als Vermittlerin arbeitsloser Landsleute Fuß fassen.

 

Von der kreisweiten Arbeit zur Region - ein erfolgreiches Projekt ermutigt zu größerem Wirkradius

Die Landschaft zugewanderter Unternehmer stellt sich vielfältig dar, nicht nur in den „klassischen“ Branchen des Gastgewerbes und Einzelhandels sind sie vertreten, sondern in fast allen Wirtschaftsbereichen und mit ganz unterschiedlichen Unternehmensgrößen und –formen – aber auch Erfolgsbilanzen. Dieses Resümée aus den bisher gewonnenen KOMM-IN-Erkenntnissen, aber auch aus Erfahrungen mit anderen Projekten in den Stadtteilen und in der Region unterstrich zugleich die Bedeutung unternehmerischer Energie hinsichtlich der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Teilhabe. Erfolgreiche Unternehmer dienen nicht zuletzt als wirkungsvolle Vorbilder gelungener Integration.

Angesichts dieses Stellenwerts der Zuwandererökonomie im Integrationsprozess fiel aber, gravierender noch als zunächst auf der Kreisebene, für die Region der IHK Aachen das Fehlen eines systematischen Austausches der maßgeblichen Akteure zu Erfahrungen mit der ethnischen Unternehmenslandschaft auf, ein Austausch, über den auch Erfolge aus den Einzelprojekten für die ganze Region gewinnbringend aufbereitet werden könnten.

Um Zuwanderer, die sich in die Selbständigkeit wagen, in Anlehnung an das erfolgreich verlaufenen Projektes im Kreis Düren auch in der Region Aachen wirkungsvoll unterstützen zu können, bedurfte es demnach auch regional einer umfassenden Bestandsaufnahme und Vernetzung.

 

Der erste Schritt: Vernetzung maßgeblicher Akteure in der Region

Im Juni 2009 startete schließlich ein wiederum über das Landesprogramm KOMM-IN ermöglichtes Unternehmen, das die Entwicklung einer „Strategie zur Förderung der Wirtschaftskraft der Region durch die Potentiale von Unternehemerinnen und Unternehmern mit Zuwanderungsgeschichte“ in Angriff nahm. Erster Schritt hierzu war die Vernetzung maßgeblicher regionaler Akteure in einem Projektbeirat. Ihm gehörten auf Seiten der Wirtschaftsförderung an: die IHK und Handwerkskammer Aachen, die Wirtschaftsförderungen der Stadt Aachen sowie der Kreise Düren und Euskirchen, die Deutsch-türkische IHK Köln, der Deutsch-hellenische Wirtschaftsverband Köln, die Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT), die Regionalagentur Aachen sowie die Vorsitzende des Arbeitskreises Gleichstellung der Wirtschaftsregion Aachen. Die Integrationsbeauftragten wurden repräsentiert über Vertreter bzw. Vertreterinnen der Stadt Aachen und des Kreises Düren und den Leiter der RAA im Kreis Aachen. Ebenfalls im Projektbeirat engagiert waren Vertreter von Migrantenorganisationen, wie bspw. „Eurotürk“ in Aachen und Unternehmer und Unternehmerinnen mit eigener Migrationserfahrung.

 

Die besondere Herausforderung: Durchführung einer regionalen Strukturanalyse

Das Netzwerk beauftragte unter der Federführung der Migrationsbeauftragten Sybille Haußmann die AGIT mit der Durchführung einer umfangreichen Datenanalyse zur Situation in der Region. Dies war Neuland und erwies sich auch als echte Herausforderung: Datenmaterial der Kommunen, der Kammern, von „IT-NRW“, dem Mikrozensus und dem Ausländerzentralregister mussten mit erheblichem Aufwand ausgewertet, verglichen und in Beziehung gesetzt werden. Trotz vieler Schwierigkeiten im Detail wurde schließlich ein aussagekräftiger Befund vorgelegt, der als Grundlage für die Entwicklung von strategischen Zielen und Handlungsansätzen diente.

Einige wichtige, planungsrelevante Ergebnisse der Regionalanalyse waren beispielsweise:

  • Unternehmer verlassen auch im regionalen Maßstab zunehmend die Nische der „Ethnischen Ökonomie“ und wenden sich dem Querschnitt des gesamten deutschen Marktes zu.
  • Ausländer sind überdurchschnittlich häufig selbständig, dies insbesondere dank unternehmerisch tätiger Frauen. Dabei bilden Hochqualifizierte den größten Anteil der Selbständigen.
  • Der höheren Gründungsdynamik im Vergleich zu „Einheimischen“ stehen schlechtere Überlebensraten ausländischer Unternehmen gegenüber.
  • Zugewanderte Selbständige sind deutlich jünger als ihre deutschen Mitstreiter und weisen entsprechend geringere Berufserfahrung auf.
  • Da die „Erwerbsquote“ von Zuwanderern, d.h. der Anteil derer, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder aber sich arbeitsuchend gemeldet haben, gegenüber Deutschen niedriger liegt, ist hier angesichts des prognostizierten Fachkräftemangels Ausschöpfungspotential vorhanden
  • Die Erwerbslosigkeit von Zuwanderern ist überdurchschnittlich; ausländische Jugendliche sind bei gleicher Qualifikation benachteiligt, und ihr Anteil an der dualen Ausbildung ging in den vergangenen Jahren weiter zurück.
  • Angesichts der Wachstumspotentiale der Außenhandelspartner China, Türkei und Indien kommt den chinesischen und türkischen Ausländern in der Region, die auch die größte Gruppe ausländischer Studenten an der RWTH Aachen stellen, besondere Bedeutung als Kompetenz- und Kontaktpersonen zu.

 

Von der Befunderhebung zu Handlungsansätzen und zu konkreten Projektvorschlägen: die Arbeit in den Beiratsitzungen

Die Ergebnisse der Analyse wurden in mehreren Beiratsitzungen diskutiert. Zusätzlich wurden Experteninterviews durchgeführt und ihre Ergebnisse in die Arbeit der Sitzungen einbezogen. Das weitere Vorgehen sollte dann durch einen gemeinsam entwickelten Zielkatalog strategisch strukturiert werden. Unter dem Motto „Stärken nutzen – Potentiale entwickeln“ einigte man sich auf fünf „strategische Ziele“, die den Beitrag zugewanderter Unternehmer zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region steigern helfen sollten:

  1. „Self-empowerment“ im Sinne verbesserter Selbstorganisation als Hilfe zur Selbsthilfe
  2. Qualitätsorientierter Ausbau von Gründungsbereitschaft und Unternehmertum
  3. Stärkung der Ausbildungsbereitschaft der Zuwandererunternehmen
  4. Nutzung der spezifischen Potenziale dieser Unternehmen vor dem Hintergrund der Globalisierung
  5. Sichtbarmachung bzw. Publizierung der Leistungen zugewanderter Unternehmer sowohl für die deutsche Öffentlichkeit als auch in Vorbildfunktion für zugewanderte Menschen

In drei Handlungsfeldern angesiedelte Projektvorschläge kristallisierten sich aus diesen Zielvorgaben: Das Handlungsfeld „Self-empowerment“ umfasste bspw. die Gründung eines Internationalen Unternehmerverbandes, ein Business-Netzwerk für Zuwanderinnen, Mentoringpartnerschaften zwischen deutschen und zugewanderten Selbständigen oder eineKommunikations- und Imagekampagne. Im Handlungsfeld „Beratung und Qualifizierung“ geht es in erster Linie um Gründungs- und Festigungsberatung von Zuwandererunternehmen sowie aufsuchende Beratung insbesondere von jungen Unternehmern. Die Nutzung ethnischer Potentiale für den Außenhandel der Region deckt schließlich das dritte Handlungsfeld „Ansiedlungen und Außenwirtschaft“ ab. Gesammelt wurden dabei Ideen zu einer „Kontaktbörse Ausland“, einem „Welcome Package“, das als ansprechendes Informationsmaterial durch Unternehmen mit Beziehungen zu den wichtigen Auslandsmärkten China, Türkei, Indien oder Polen oder von ausländischen Studierenden oder sonstigen Multiplikatoren verbreitet werden und Interesse an Ansiedlungen in der Region wecken soll. Weitere Projektideen in diesem Handlungsfeld sind ein „Chinatag der Region“ sowie eine „Auslandsmesseförderung“. Einen detaillierteren Überblick über die Entwürfe dieser Einzelprojekte gewährt die veröffentlichte Dokumentation des KOMM-IN-Projektes unter dem Titel „Potentiale der Vielfalt“.

 

Rückmeldungen aus der Praxis: die Sicherstellung von Umsetzbarkeit und Nachhaltigkeit…

Der in der Projektarbeit zusammengestellte, recht umfangreiche Katalog potentieller Maßnahmen wurde in den Arbeitssitzungen des Beirats, unter zeitweiligem Einbezug von weiteren Unternehmern mit Zuwanderungsbiographie, eingehend auf seine Realisierungsmöglichkeiten überprüft. Recht schnell war dabei die Priorität der Idee des „self-empowerment“ ausgelotet; insbesondere die Förderung zugewanderter, möglichst erfolgreich agierender Unternehmen, die dann ihrerseits als Multiplikatoren wirksam werden können. Auch kritische Einwürfe seitens der befragten Unternehmern wurden laut, so zum Beispiel Kritik an der mangelnden interkulturellen Orientierung wirtschaftsfördernder deutscher Institutionen wie Banken und Sparkassen, die Islamische Kredite lediglich im Ausland gewährten und damit erhebliche Wirtschaftspotentiale ungenutzt ließen. Daneben wurde auch die Bereitstellung brauchbaren Materials zur Präsentation der Region bei ausländischen Messen angemahnt.

 

…ermöglicht erfolgreiches Arbeiten

Die stets praxisbezogene und effiziente Ausrichtung des Projekts führte u.a. dazu, dass es bereits am 3. Mai 2010 in einem hochrangig besetzten Wirtschaftsforum auf der Burg Hengebach in Heimbach unter dem Titel „Unternehmen Migration – Vielfalt als Chance“ vom Kölner Regierungspräsidenten Hans Peter Lindlar vorgestellt wurde.

Im Übrigen bemerkte Migrationsbeauftragte Sybille Haußmann schon bald –und ganz wie in der Projektplanung vorgesehen- Erkenntnisprozesse bei maßgeblichen Institutionen hinsichtlich der Potentiale der Zuwandererunternehmen, aber auch Einsicht in die Notwendigkeit interkulturell fundierter Zugangsstrategien gegenüber der Zielgruppe. Ebenfalls recht schnell zeigte sich auch die Verstetigung der Vernetzungstreffen des Projektbeirates und damit die nachhaltige Konsolidierung der geschaffenen Gremien.

 

In der Region tut sich etwas

Eine erfreuliche Folgewirkung des Regionalprojekts stellt auch das im gegenwärtigen Haushaltsjahr 2010/2011 und wiederum in Kooperation mit dem Kreis Düren laufende KOMM-IN-„Modellprojekt“ in Aachen dar, das aktuell zur Gründung eines internationalen Unternehmerverbandes geführt hat, der wie geplant die Wirtschaftskraft der Region Aachen stärken und in Zukunft Existenzgründer zusätzlich unterstützen soll. Weiteres Resultat ist die engere Kooperation zwischen türkischen Unternehmern, der AGIT und der Wirtschaftsförderung der Stadt Aachen. Türkische Unternehmer werben auf internationalen Messen in der Türkei aktiv für die Region Aachen und werden dabei durch die Bereitstellung von Informationsmaterial und die Ermöglichung von Delegationsreisen unterstützt. Das Thema „Potentiale zugewanderter Unternehmer“ gewinnt also immer mehr an Dynamik.

 

 

Ansprechpartner

Kreisverwaltung Düren,
Stabsstelle für Migrationsangelegenheiten,
RAA
Frau Sybille Haußmann
Tel.: 02421/222150
Fax.: 02421/222586
E-Mail: s.haussmann@kreis-dueren.de
Internet: www.kreis-dueren.de
             www.integra-netz.de

Stadt Aachen,
Wirtschaftsförderung
Herr Bülent
Tel.: 0241/4327645
E-Mail: buelent.tiz@mail.aachen.de

 




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