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KOMM-IN stellt vor: Stadt Duisburg


Keine Angst vor "heißen Eisen": Das Projekt "Frauen mit Migrationshintergrund in Duisburg – zwangsverheiratet und rechtlos?"

 

Ein Tabu war gebrochen in Duisburg: Nachdem das heikle Thema der vornehmlich in türkischen und arabischen Familien zu beobachtenden "Zwangsheiraten" bereits spätestens mit der 2006 gestarteten Kampagne "Ihre Freiheit – seine Ehre" des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration im Licht der Öffentlichkeit stand, wird nun auch am Niederrhein offen darüber diskutiert.
Dieser Eindruck vermittelte sich den Teilnehmern einer denkwürdigen Podiumsdiskussion, die am 20. Oktober 2007 im Duisburger Konferenz- und Beratungszentrum "Der kleine Prinz" stattfand und von 110 Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte besucht wurde.
Die Veranstaltung diente auch der Präsentation von Prozessen, die das Duisburger Referat für Integration seit Jahresmitte im Rahmen eines KOMM-IN-Projektes mit Hilfe der Migrantenselbstorganisationen, Moscheevereine, Heimatvereine sowie der Regeldienste in Gang gebracht hatte, und die auf den Aufbau eines Netzwerks zur Unterstützung zugewanderter Frauen abzielten.

 

 

"Enormer Redebedarf" – Wie das Projekt auf den Weg kam

Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sind oftmals besonderen Nöten ausgesetzt. Neben häufig unzureichenden Begegnungsmöglichkeiten mit Menschen, und insbesondere Frauen, sowohl der "Aufnahmegesellschaft" als auch der eigenen Community sind sie verstärkt auch von häuslicher Gewalt betroffen, wie sie im Phänomen der gegen den eigenen Willen durchgeführten Zwangsheirat, aber auch in anderen Erscheinungen seelischer und körperlicher Gewaltanwendung, im Einzelfall bis zum schlagzeilenträchtigen "Ehrenmord" gesteigert, zum Ausdruck kommt. Dieser Befund veranlasste das Referat für Integration, durch Aufklärung, Bildung von Kommunikationsstrukturen, das Aufzeigen bestehender und den Ausbau weiterer Hilfesysteme die Zielgruppe zu stärken.
Den ersten Schritt bildete eine Kontaktaufnahme auf breiter Front: Das Projekt  wurde in Duisburger Migrantenselbstorganisationen, in Moschee- und Heimatvereinen vorgestellt. Parallel wurden auch die kommunal relevanten Einrichtungen und Regeldienste wie bspw. Familienzentren und Frauenberatungssstellen besucht.
Von Anfang an fiel den Projektträgern ein "immenser Redebedarf" insbesondere bei den Vertreterinnen der Fraueninitiativen in den Migrantenselbstorganisationen auf. Was ihnen auf den Nägeln brannte, waren aber nicht allein die Fälle von Zwangsausübung gegenüber Frauen, sondern ebenso das ihrer Meinung nach zu pauschale Bild der "rechtlosen muslimischen Frau", das die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft bestimme.

 



Zwischen Tradition und "Stadtgesellschaft" – Duisburger Zuwanderinnen geben Auskunft

Nachdem das Vertrauen der beteiligten Zuwandererorganisationen gewonnen war, wurden dort, sowie in privaten Kreisen, sogenannten "Altin Günlers", jeweils zwei Gesprächszusammenkünfte organisiert, bei denen jeweils zwischen zwanzig und vierzig Frauen erschienen. Die zweite Sitzung umfasste auch Interviews zur häuslichen Situation, zu den Lebensverhältnissen und Plänen der Zuwanderinnen, die für eine spätere Veröffentlichung in einer Dokumentation vorgesehen waren. Wieder wurde bestätigt, dass die Frauen trotz Ablehnung wirklich erzwungener Ehen in ihrer Mehrzahl den Wert traditionell "arrangierter" Ehen verteidigten. Obwohl sie sich hier gegenüber der Mehrheitsgesellschaft unter "Rechtfertigungsdruck" fühlten, machten sie aber deutlich, dass sie trotz der Unterschiede zu den hiesigen Wertvorstellungen zu Familie und Ehe sich als Teil der Duisburger Stadtgesellschaft fühlen und einen stärkeren Austausch besonders mit nichtmuslimischen Frauen wünschen.



Ein Netzwerk entsteht: Über Stadtteilnetze…

Der Weg zum gesamtstädtischen Netzwerk führte über sechzehn  Netzwertreffen in Niederlassungen beteiligter Migrantenselbstorganisationen in verschiedenen Duisburger Stadtteilen. Neben Frauen, die bereits zu Selbstorganisationen gehörten, kamen auch solche, die bislang keine Erfahrung mit größeren Zusammenkünften in ihren Stadtquartieren hatten.
Zwei Zielsetzungen wurden verfolgt: Zum Einen sollten die beteiligten Frauen den Mut finden, sich als "Expertinnen" für die Belange zugewanderter Frauen zu positionieren. Dabei sollten sie auch das vielfach geäußerte Unterlegenheitsgefühl gegenüber den fachlich und sprachlich versierteren Vertreterinnen in den Regeldiensten überwinden.In diesem Zuge wurde ihnen die Duisburger Fraueninfrastruktur vorgestellt und Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit wurden erörtert.

 



... und mit Fortbildungen zur stadtteilweiten Netzwerkarbeit

Der nächste Schritt bestand in der Vermittlung des handwerklichen Rüstzeugs zur eigenständigen Bewältigung von Netzwerkarbeit in mehreren Fortbildungen, die in wechselnden Quartieren stattfanden. Behandelte Themen waren Methoden der Moderation, die Vor- und Nachbereitung von Treffen, wie zum Beispiel die Erstellung von Einladungen und Protokollen, aber auch gemeinsame Überlegungen zur Rolle des Ehrenamtes und zur stärkeren Mitwirkung der Frauen bei den Planungsvorgängen in den Selbstorganisationen.
Das erste gesamtstädtische Treffen des zukünftigen Netzwerks fand nach Beendigung der Schulungen in den Räumlichkeiten des Diakonischen Werks Duisburg statt. Da auch Multiplikatorinnen der Regeldienste anwesend waren, konnten einige Ängste hinsichtlich der Arbeit mit den "Profis" im gemeinsamen Gespräch zerstreut werden. Ermutigt wurden die Frauen auch, den von ihnen oftmals als "verzerrt" empfundenen Blick der deutschstämmigen Mitbürger und auch der Regeldienste auf ihre Lebenswirklichkeit durch eine Adressierung der Öffentlichkeit, aber auch durch private Kontakte im nachbarschaftlichen oder schulischen Umfeld zu korrigieren.
Erste "offizielle" Tagung des frischgebackenen Netzwerks  war eine Zusammenkunft im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Projekts Ende Februar 2008.

 



Ein Netzwerk muss "Wurzeln schlagen" – Sensibilisierung für das Thema im Lebensumfeld der Frauen

Zur Festigung der Netzwerkstruktur wurden bereits auf der Abschlussveranstaltung weitere Treffen geplant. Darüber hinaus wurde eine gemeinsame Betreuung durch die städtische Integrationsbeauftragte und die Gleichstellungsbeauftragte sichergestellt. Bereits zuvor jedoch sollte zum Thema "Häusliche Gewalt und Zwangsheirat" eine Einbeziehung des Lebensumfeld der Frauen durch themengerechte Schulungen stattfinden. Adressaten waren junge Männer mit Zuwanderungshintergrund im Alter zwischen sechzehn und vierundzwanzig Jahren und Multiplikatoren der Selbstorganisationen, der Moscheegemeinden und Vereine sowie der Regeldienste. Die Fortbildungen wiesen emotionale und kognitive Elemente auf, die behandelte Problematik wurde in einer Abfolge von Orientierungs-, Analyse- und Handlungsphasen angegangen.
Trotz der erwartbaren Bindung der männlichen Jugendlichen an traditionelle Vorstellungen vom Verhältnis der Geschlechter, der "Familienehre" und des Mitspracherechts der Familie bei lebenspraktischen Entscheidungen der jungen Frauen gelang es den Schulungsleiterinnen, durch die gemeinsame Betrachtung konkreter Schicksale in der Regel bereits vorhandene Sensibilitäten zu verstärken und die Männer zur Entwicklung von Alternativen zu autoritären und bevormundenden Verhaltensweisen anzuregen.
Auch die Vorsitzenden und Aktiven der einbezogenen Heimatvereine und Moscheegemeinden stellten sich den Themen "Selbstbestimmung", "Formen von Gewaltausübung" und "Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft" und diskutierten denkbare alternative Handlungsoptionen. Trotz ihres zum Ausdruck gebrachten Verantwortungsgefühls gegenüber tradierten Werten und Normen kennzeichneten auch die angesprochenen "Autoritäten" der moslemischen Gemeinden vorhandene Zwangstrukturen als problematisch und sahen Handlungsbedarf.
Auf der anderen Seite wurde mit den Schulungsteilnehmern der Regeldienste eine "individuelle und kollektive Sensibilisierung für Stereotypen und Vorurteile" erreicht. Unter anderem durch Rollenspiele und die Einübung von "Perspektivwechseln" wurde die Lösung von Konfliktsituationen trainiert, um interkulturellen Missverständnissen und Hemmnissen vorbeugend begegnen zu können.

 



Keine einfachen Lösungen – aber Vertrauensbeweise

Den Verantwortlichen war nach Beendigung des Projektes klar, dass nicht nur beim Ausbau von Hilfesystemen für bedrängte Frauen aus Zuwanderergemeinden noch viel zu tun bleibt, sondern dass es beim Aufzeigen von Wegen zwischen den Ansprüchen der Selbstbestimmung und denen familiär-religiöser Traditionen keine Patentrezepte gibt. Die Vertreter der "Aufnahmegesellschaft" mussten insbesondere ihren Blick schärfen für die Unterscheidung zwischen inakzeptabler Zwangausübung gegenüber Frauen einerseits und den dem westlichen "aufgeklärten" Gesellschaftsideal ebenfalls eher suspekten, in islamisch geprägten Gemeinden aber weitgehend verteidigten „Ehearrangements“ auf der anderen Seite , selbst im Bewusstsein, dass hier heikle "Grauzonen" existieren.
Am Ende stand jedoch die Erkenntnis, dass trotz mancher Wertedifferenzen in den kulturellen Identitäten Bereitschaft zu gegenseitiger Öffnung und vertrauensgelenkter Zusammenarbeit demonstriert worden war. Hilfeleistungen bei inakzeptablen Praktiken wie Zwangsverheiratungen  konnten über das entstandene Netzwerk in die vorhandenen Beratungsstrukturen eingebaut werden. Auch auf Seiten der Migrantenselbstorganisationen fand sich eine Vereinigung, die, mittlerweile selbst als professionelle Beratungsstelle etabliert, sich ausführlich mit der Thematik befasst. Die bewiesenen Vertrauensbeweise nicht nur der Frauen in den Zuwandererorganisationen ließen dieses KOMM-IN-Projekt mit einem optimistischen Blick in die Zukunft schließen.

 


Ansprechpartner

Stadt Duisburg, Referat für Integration:

Frau Leyla Özmal
Tel.: 02303/2836911,

Herr Marijo Terzic
Tel.: 02303/2836912

E-Mail: m.terzic@stadt-duisburg.de

 


 

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