KOMM-IN stellt vor: Stadt Duisburg
„Es geht nicht nur um wirtschaftliche Potenziale“: Wie die Stadt Duisburg mit einem KOMM-IN-Projekt versucht, ihre ethnische Vielfalt auch für eine interkulturelle Ausrichtung der Kultureinrichtungen fruchtbar zu machen
-
Vielfalt der Kulturen, aber noch kein interkulturelles Kulturangebot
-
Der erste Schritt in die richtige Richtung: das „Forum der Kulturen“
-
Ein großes Ziel: Vom „Forum der Kulturen“ zur interkulturellen Kulturarbeit in Duisburg
-
Die Umsetzung: Engagement und Flexibilität sind gefordert!
-
Der künstlerischen Vielfalt Gesichter geben!
-
Kultur zieht Kreise: Duisburgs interkulturelle Szene ist in Bewegung!
-
Kontakt
Vielfalt der Kulturen, aber noch kein interkulturelles Kulturangebot
„Eine große Vielfalt der Kulturen der hier lebenden Menschen aus 140 Nationen“ konstatierte das Referat für Integration der Stadt Duisburg, als es im Frühjahr 2009 einen KOMM-IN-Antrag zur „Interkulturellen Ausrichtung der Kultureinrichtungen“ stellte. Dabei sei das rund ein Drittel Duisburger Einwohner mit einer Zuwanderungsgeschichte zwar mittlerweile als wirtschaftlich relevanter Wettbewerbsfaktor begriffen worden, im Duisburger Kulturangebot allerdings habe dieses interkulturelle Potential erst unzureichend Niederschlag gefunden.
Diese Beobachtungen fanden statt vor dem Hintergrund der Bemühungen der Stadt Duisburg um „Schaffung interkultureller Urbanität“, einem Leitziel im Rahmen des Stadtentwicklungsprojektes „Duisburg 2027“. Die Stadt hatte sich angesichts der demografischen Entwicklungen und der damit verbundenen Bedürfnislagen einer ethnisch immer bunter werdenden Bürgerschaft u.a. die interkulturelle Ausrichtung etablierter Kulturinstitutionen und die gezielte Förderung interkultureller Kunst- und Kulturprojekte zur Aufgabe gemacht.
Der erste Schritt in die richtige Richtung: das „Forum der Kulturen“
Da die Aktiven im Referat für Integration feststellen mussten, dass in der „Vielvölkerstadt“ Duisburg keinerlei Anlaufstelle existierte, die die unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen und Angebote registrieren, kommunizieren und fördern könnte, um so die dringend benötigte neue Qualität interkultureller Kulturarbeit herbeizuführen, kam es bereits im Jahre 2008 zur Initiierung des „Forums der Kulturen“. Dabei planten die Verantwortlichen eine „dauerhaft eingerichtete Plattform für kreative Zusammenarbeit“, die offen sein sollte für Kulturschaffende in den verschiedenen Migrantenselbstorganisationen und Vereinen, aber auch für einzeln wirkende Künstlerinnen und Künstler.
Diesem ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung lag das Credo zugrunde, dass „für ein urbanes Lebensgefühl mit einer offenen und kreativen Stadtgesellschaft ein reiches interkulturelles Kulturleben unabdingbar“ ist, die „Beschäftigung mit Kunst und Kultur, der Kontakt zu anderen Kulturen auf der künstlerischen Ebene“ erzeuge in besonderer Weise Offenheit und Verständnis. Und das bedeutet: „Kultur ist ein wichtiger integrativer Faktor und führt zu einer Selbstverständlichkeit von Interkulturalität im täglichen Miteinander.“
Dass das Verhältnis zwischen Duisburgs etablierten Kultureinrichtungen und zugewanderten Künstlern und Kunstinteressierten besser werden musste, wurde in einem Gespräch mit Mitarbeitern des Lehmbruck-Skulpturenmuseums bestätigt: Auffallend war nämlich, dass das Museum nur von sehr wenigen Menschen nichtdeutscher Herkunft frequentiert wird, was auf mangelnde Kenntnisse hinsichtlich der spezifischen Bedürfnisse dieser Zielgruppe hinwies.
Eine der ersten Aktionen des frisch gegründeten „Forums der Kulturen“, dem sowohl Amateurkünstler wie auch Akteure der Kulturpolitik beitraten, war deshalb die Durchführung einer entsprechenden Bedarfsabfrage bei Migrantenorganisationen, Kulturgruppen und Einzelkünstlern in Duisburg. Die Fragebogenaktion, die ein überaus positives Echo fand, zeigte u.a. einen großen Bedarf an Räumlichkeiten für Proben, praktische künstlerische Tätigkeit, Büroorganisation und Kooperationstreffen. Die Ergebnisse wurden bei einer mündlichen Abfrage anlässlich des ersten Arbeitstreffens des „Forums“ bestätigt, bei dem auch die Idee eines „Service- und Dialogcenters für interkulturelle Kulturarbeit“ formuliert wurde.
Ein großes Ziel: Vom „Forum der Kulturen“ zur interkulturellen Kulturarbeit in Duisburg
Nicht zuletzt die Erkenntnisse und Anregungen aus der Arbeit des „Forums“ öffneten den Horizont für die umfassenden Aktivitäten, die im Sommer 2009 mit Unterstützung durch die KOMM-IN-Förderung begonnen werden konnten. Das Programm war von Anfang an ehrgeizig angelegt, ging es doch um nicht weniger als
- die interkulturelle Ausrichtung der etablierten Kultureinrichtungen
- die Vernetzung der Kulturakteure untereinander und mit den kommunalen Institutionen samt Aufbau einer entsprechenden Dialogkultur
- Qualifizierung und Coaching der Kulturakteure
- die Motivierung und Ermutigung von Einzelkünstlern und Vereinigungen, sich am städtischen Kulturleben zu beteiligen
- schließlich die generell stärkere Beteiligung zugewanderter Menschen am Kulturleben in Duisburg.
Um diese Zielvorgaben anzugehen, bedurfte es neben der Einrichtung der zentralen Anlaufstelle einer Bestandsaufnahme der kunst- und kulturschaffenden Menschen mit Migrationsbiographie sowie der etablierten städtischen Kultureinrichtungen und einschlägigen Organisationen, die natürlich öffentlich zugänglich gemacht werden sollte. Außerdem musste eine umfassende und intensive Kontaktaufnahme mit Künstlern und Kultureinrichtungen über Coaching- und Workshopveranstaltungen geleistet werden.
Die Umsetzung: Engagement und Flexibilität sind gefordert!
Mit der Bewilligung des Projektes zum August 2009 entfalteten sich rege Arbeitsprozesse: Die Kontakte zum „Forum der Kulturen“ wurden intensiviert und mit dem Kulturzentrum „Alte Feuerwache“ wurde ein Standort für das im Aufbau befindliche Service- und Dialogcenter gefunden. Dabei waren immer Flexibilität und der Mut zum Umdenken gefordert: Kulturbetriebe wie das Stadttheater, die zunächst als mögliche Lokalitäten der Servicestelle ins Auge gefasst wurden, fielen aus organisatorischen Gründen aus. Auch die Durchführung der Workshops wurde den Gegebenheiten der praktischen Arbeit angepasst, so dass schließlich zwei Veranstaltungen im Januar und April 2010 stattfanden, die wichtige Akzente setzten und im Projekt gewissermaßen Klammerfunktion hatten.
Gerade die Workshops erwiesen sich als lebendige Kontaktbörsen und Ort der Inspiration. Beim ersten Workshop im Lehmbruck-Museum am 26.Januar trafen sich 20 Mitglieder des „Forums“ zu einem „Kennlern-Roulette“ mit Vereinsmitgliedern und freischaffenden Künstlern. Hier erkundigte sich bspw. das Mitglied einer koreanischen Tanzgruppe nach Auftrittsmöglichkeiten, die Vertreter eines multikulturellen Filmclubs und eines deutsch-kroatischen Vereins tauschten Erfahrungen aus, Mitglieder des Literaturcafe´s Fakir Baykurt bemühten sich um die Organisation von Lesungen und es wurden Pläne für einen „Internationalen Tag des Liedes“ geschmiedet. Auch wurden Projektteilnahmen u.a. bei der Künstleraustellung zum Thema „50 Jahre Gastarbeiter aus der Türkei in Duisburg“ und beim Musikprojekt „Reise durch Kulturen“ vorgeschlagen. Schließlich leistete auch der anwesende Leiter des Bereichs Kunstvermittlung/Museumspädagogik, Andreas Benedict, einen Beitrag zur voranschreitenden Vernetzung der künstlerisch Aktiven, indem er nach Ausstellungsflächen suchenden Teilnehmern die Kontaktierung der „Interessengemeinschaft Duisburger Künstler“ und des „Künstlerstammtisches“ empfahl.
Interviews mit städtischen Kultureinrichtungen führten zu Fragestellungen, die dann den zweiten Workshop am 29.April wesentlich mitbestimmen sollten:
- Was bedeutet der demografische Wandel für die etablierten Kultureinrichtungen der Stadt?
- Gehen Sie genügend auf die zu erreichenden Menschen ein?
- Gibt es Konzepte, die der ethnischen Vielfalt der Duisburger Bevölkerung gerecht werden?
Neben dem „Forum der Kulturen“ trafen sich zu der Fachdiskussion in der Liebfrauenkirche Vertreter etablierter Kulturstellen wie des Kultur- und Stadthistorischen Museums, des kommunalen „Filmforums“ und des Festivalbüros der Stadt Duisburg. Neben einigen ausübenden Künstlern waren u.a. auch der Leiter des Projekts „Duisburg 2027“, Arne Lorz, der Leiter des Landsprogramms „interkultur.pro“, Meinhard Motzko, sowie die Leiterin des Referats für Integration, Leyla Özmal, anwesend. Eine interessante Erkenntnis der ausgiebigen Gespräche war die Einsicht, dass vorhandene oder mangelnde Zugänge zu Kulturangeboten offenbar weniger im Sinne landläufiger Klischees herkunftslandbedingt als vielmehr milieuspezifisch zu erklären seien. Als Handlungsempfehlungen wurden entsprechend die Durchführung einer „Milieustudie“ für Duisburg als Planungsparameter der Politik und die Verpflichtung der öffentlichen Kultureinrichtungen zu einer regelmäßigen „Publikums-Struktur-Analyse“ genannt. Leyla Özmal gab bekannt, das hier begonnene Gespräch in einer größeren Gesprächsrunde unter Einbeziehung weiterer Kulturschaffender fortführen zu wollen.
Der künstlerischen Vielfalt Gesichter geben!
Zwischenzeitlich schritt das Projekt aber auch anderweitig voran und generierte in seiner Umsetzung neue Ideen. Angesichts des zügigen Eingangs von Informationen zu Einzelkünstlern und Vereinen wurde entschieden, ein „Interkulturverzeichnis“ als Print- und Online-Medium herauszugeben, um die interkulturelle Vielfalt Duisburgs auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit stärker zu profilieren. Eine Aufnahme in das Verzeichnis ist an die Erfüllung einiger Kriterien geknüpft: Es sollen Kunst- und Kulturschaffende im engeren Sinne aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur , Film u.ä. registriert werden, die regelmäßig aktiv sind, einen interkulturellen Bezug in Gestalt eigener Zuwanderungserfahrungen oder durch die Auseinandersetzung mit nichtdeutschen Kulturen aufweisen können und in einem Verhältnis zur Stadt Duisburg stehen. Darüber hinaus ist eine weitere Bedingung die Bereitschaft zu nachhaltiger Mitarbeit. Präsentiert werden die Kunstschaffenden in Form eines mit Foto versehenem „Steckbriefs“. Nach Überprüfung der den Projektmitarbeitern bereits bekannten Persönlichkeiten und Vereine waren es zunächst 37 „Gesichter“, die von einer Journalistin kontaktiert und in Kurzportraits vorgestellt wurden. Das „Aufspüren“ der Portraitierten stellte sich bisweilen als harte Arbeit heraus, sind doch die meisten Amateurkünstler, die einem Hauptberuf nachgehen und nicht zu festen „Sprechzeiten“ erreichbar sind. Das fertiggestellte Produkt jedoch bewies, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben. Neben einem breiten Spektrum an künstlerisch tätigen Menschen vornehmlich in den Bereichen Tanz, Musik, Literatur und Kulturpflege aus den unterschiedlichsten Ethnien sind auch „Spezialitäten“ zu entdecken wie der „Akasyalar Chor“, der seit 2004 Stücke der türkischen Kunstmusik einstudiert, um diese bis ins 14.Jahrhundert zurückreichende türkische klassische Musik zu pflegen und bekannt zu machen. Oder zum Beispiel die koreanische Tanzgruppe „Arirang“, die bereits seit 1996 zur Begleitung von Trommeln probt, zahlreiche Auftritte bestreitet und sich sogar von koreanischen Lehrern aus- und weiterbilden lässt mit dem Ziel, die Kultur ihrer Heimat lebendig zu erhalten und vorzustellen. Daneben stellt das Verzeichnis auch erfolgreiche Projekte bspw. aus dem Umfeld des Theaters Duisburg, des Lehmbruck-Museums, des Filmforums, der Stadtbibliothek, des Kultur- und Stadthistorischen Museums oder auch des „Forums der Kulturen“ vor.
Kultur zieht Kreise: Duisburgs interkulturelle Szene ist in Bewegung!
Gut anderthalb Jahre nach Beendigung des KOMM-IN-Projektes ist erkennbar, dass der Bereich interkultureller Kultur in Duisburg von Nachhaltigkeit und Dynamik geprägt ist. So ist die zentrale Anlauf-, Informations- und Koordinierungsstelle für die Akteure mittlerweile fest beim städtischen Referat für Integration installiert.
Das „Forum der Kulturen“ hat, nicht zuletzt durch die Beflügelung während der KOMM-IN-Aktivitäten, seine Arbeit weiter verstetigen und ausgebauen können.
Schließlich zeigt ein Besuch auf dem Internetportal des Referats für Integration – www.wir-sind-du.de- , dass Duisburger Kultureinrichtungen ihre Pforten zunehmend Künstlern mit nichtdeutschen Wurzeln öffnen:. So findet anlässlich des 50. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 31.10.2011 im Theater Duisburg eine Veranstaltung unter dem Titel „Du tanzt!“ statt, die neben der türkischen Gruppe „Afir“ (=“Anatolische Folklore im Ruhrpott“) auch die kroatische Formation „Adria“ sowie die genannten „Arirang“ aus Korea präsentiert. Weitere aktuelle Beispiele sind geplante Lesungen junger türkischer Autoren im Lehmbruck-Museum sowie literarische Events in der Stadtbibliothek.
Gar nicht hoch genug einzuschätzen sind laut Marijo Terzic vom Referat für Integration aber auch die allgemeine Belebung des Dialogs der kommunalen Kunstakteure sowie die Öffentlichmachung der Szene bspw. mittels des „Interkulturverzeichnisses“ weit über den Projektzeitraum hinaus.
Ansprechpartner
Frau Leyla Özmal, Tel.: 0203/28369-11,
Herr Marijo Terzic, Tel.: 0203/28369-12 .
E-Mail: integration@stadt-duisburg.de
