KOMM-IN stellt vor: Stadt Mülheim
Vorhandenes Wissen zugänglich machen und nutzen! - Ein interkommunales Projekt im Ruhrgebiet unter Federführung der Stadt Mülheim unternimmt „Schritte zur Verbesserung der Gesundheit und Entwicklung von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte“
- Sozial benachteiligt – gesundheitlich gefährdet!
- Erhöhter Handlungsbedarf an der Ruhr
- Ein regionales Problem gemeinsam angehen!
- Rückbindung an die Praxis – im Wechselspiel von Erhebungs- und Workshoparbeit!
- Erfahrungsaustausch als „Schrittmacher“ für Verbesserungen
- Keine „Lösungen von der Stange“ – aber Anregungen durch eine Vielzahl praktischer Maßnahmen
- Erfolgreiche „Schritte“ auf dem Weg zu gesunden Migrantenkindern nicht nur an der Ruhr – durch Schaffung von Transparenz und nachhaltigen Kooperationsstrukturen
- Kontakt
Sozial benachteiligt – gesundheitlich gefährdet!
Die Kinder- und Jugendmedizinischen Dienste im Ruhrgebiet stellen immer wieder fest, dass Kinder aus sozial problematischen Milieus, die von Lebensbedingungen wie Armut, Arbeitslosigkeit, ungünstigen Wohnverhältnissen sowie Migrationserfahrungen geprägt sind, auch hinsichtlich ihres Gesundheits- und Entwicklungszustandes und ihres Vorsorgestatus`ins Hintertreffen geraten.
Bestätigt werden diese Befunde durch Studien wie den bundesweit vorgenommenen „Kinder- und Jugendgesundheitssurvey“ des Robert- Koch-Instituts. Der konstatiert in den letzten Jahren ein verstärktes Auftreten chronischer Erkrankungen wie Adipositas, aber auch psychischer Störungen insbesondere bei Kindern aus von Armut und Zuwanderung charakterisierten Lebensumfeldern. Zum Bild dieser neuen „Morbidität“ gehört für den Survey auch der schlechtere Zugang der Personengruppe zu gesundheitlichen Vorsorgeuntersuchungen, wodurch Beeinträchtigungen für den gesamten weiteren Lebensweg erwachsen können.
Abbildung 1: Auffälligkeiten in Gesundheit und Entwicklung bei SchulanfängerInnen `09/`10 nach Bildungsschicht

Quelle: eigene Berechnung und Darstellung, Datenbasis: SEU Essen, Mülheim an der Ruhr, Herten `09/`10
Erhöhter Handlungsbedarf an der Ruhr
Die Besorgnis erregenden Erkenntnisse bewogen die Kinder- und Jugendmedizinischen Dienste mehrerer Kommunen im Ruhrgebiet, Hintergründe und mögliche Handlungsoptionen gemeinsam näher zu untersuchen, und hier bot sich ein umfassendes Projekt im Rahmen der Landesförderung KOMM-IN an.
Den Fachleuten war schließlich bewusst, dass das Ruhrgebiet „als stark schrumpfende und alternde Region auf eine gesunde nachwachsende Generation“ bauen muss. Gleichzeitig finde sich hier eine Konzentration von Kinderarmut, die die Bezeichnung „Massenphänomen“ rechtfertige. Während in Nordrhein-Westfalen bereits jedes sechste Kind unter Armutsbedingungen aufwachse, müsse an der Ruhr sogar jedes vierte, in manchen Städten jedes dritte es mit solchen Lebensumständen aufnehmen.
Abbildung 2: Kinderarmut in NRW 2009 (Sozialgeld beziehende Kinder unter 6 Jahren in % der gleichaltrigen Bevölkerung)

Quelle: Volker Kersting, Stadt Mülheim an der Ruhr, Stadtforschung und Statistik
Ein regionales Problem gemeinsam angehen!
Unter Federführung des Dezernates „Arbeit, Soziales, Gesundheit und Sport“ der Stadt Mülheim an der Ruhr wurde ein Projekt aus der Taufe gehoben, an dem sich auch die Städte Bochum, Essen, Oberhausen und Herten sowie der Kreis Recklinghausen beteiligten. Ebenfalls ins Boot genommen wurde das Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit in Nordrhein-Westfalen (LIGA-NRW). Übergeordnetes Ziel war, geeignete Informationsgrundlagen zur Gesundheit und Entwicklung insbesondere von Zuwandererkindern zu schaffen, um über gemeinsame Handlungsstrategien Missständen gegenzusteuern.
Die Beteiligten wussten, dass die Kinder- und Jugendmedizinischen Dienste vor Ort besonders über die Schuleingangsuntersuchungen bereits umfangreiches Wissen kumuliert hatten, das bisher aber vielfach lokal gebunden blieb und noch auf eine systematische, regional orientierte Evaluation wartete. Geplant wurden daher eine vergleichende Auswertung des existierenden Berichtsfundus` und eine gezielte Datenanalyse, um darauf aufbauend eine allgemeine Lageschreibung verfertigen zu können. Weitere entscheidende Unterziele auf dem Weg zu einer regionalen Arbeitsgrundlage waren die Organisation eines interkommunalen Austausches der kooperierenden Partner mittels Workshops und Expertengespräche und die nachhaltige Vernetzung der relevanten Akteure.
Rückbindung an die Praxis – im Wechselspiel von Erhebungs- und Workshoparbeit!
Das schließlich im Herbst 2010 Fahrt aufnehmende Projekt wurde von Anfang an geerdet durch die intensive Arbeit in Workshops und Expertenzirkeln. Anlässlich des Auftaktworkshops am 14. Oktober wurde die städteübergreifende Auswertung der Schuleingangsuntersuchungen vereinbart und das gemeinsame Arbeitsprogramm beschlossen. Zu diesem Zeitpunkt bestätigte sich bereits anhand einiger vorgestellter städtespezifischer Arbeitsproben, dass die Zuwanderungsgeschichte der Kinder in den Eingangsuntersuchungen bisher sehr unterschiedlich erfragt wurde, was die Notwendigkeit einer künftig standardisierten Erhebungsweise unterstrich. Diese Thematik sollte die Arbeit in den folgenden Workshops weiter mitbestimmen.
Das logistische „Meisterstück“ der Projektarbeit indes stellten Sammlung und Auswertung der Schuleingangsuntersuchungsdaten der beteiligten Kommunen für den Jahrgang 2009/2010 dar, welche unter Mithilfe des LIGA-NRW zustande kamen.
Insgesamt wurde der Datenbestand von 11.143 untersuchten Kindern gesichtet. Dabei konnten zum Beispiel auch vorhandene Befunde der LIGA zur Gesundheitssituation in den Kommunen mit der als Armutsindikator dienenden Sozialgeldquote in Beziehung gesetzt werden, was neue, durchaus erschreckende Einsichten ermöglichte: So nimmt besonders im Ruhrgebiet der Anteil adipöser Kinder mit der Quote der Sozialgeldempfänger unter sechs Jahren deutlich zu.
Abbildung 3: Kinderarmut und Adipositas von SchulanfängerInnen im regionalen Vergleich

Quelle: Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit NRW, eigene Berechnung und Darstellung
In der Querschnittsauswertung der Kommunen zeigte sich dann, dass eine klare gesundheitliche Benachteiligung von Zuwandererkindern besonders im Ruhrgebiet vorliegt, die unter fünf Aspekten gefasst werden kann. Diese sind:
- Entwicklungsauffälligkeiten/Förderbedarfe
- Sprachdefizite
- Lücken an der Beteiligung an Früherkennungsuntersuchungen
- sonstige allgemeine Mängel im Gesundheitsverhalten
- Übergewicht
Die wichtigsten Ergebnisse zu diesem Komplex sprechen eine deutliche Sprache: Ein Drittel der Schulanfänger im Ruhrgebiet, und über 40% solcher mit Migrationsgeschichte, zeigen einen Förderbedarf. Während insgesamt 20% der Eingeschulten in den fraglichen Revierstädten eine mangelhafte Sprachkompetenz aufwiesen, springt die Quote bei Kindern mit nichtdeutscher Erstsprache auf 60%. Auch im Bereich der Gesundheitsvorsorge und –versorgung zeigt sich eine Problemhäufung. Beunruhigend auch dies: Jedes dritte Zuwandererkind wird von drei oder mehr Gesundheitsproblemen heimgesucht; kaum jedes zehnte Kind ohne Zuwandererwurzeln ist von einer solchen Kumulation von Beschwerden betroffen.
Abbildung 4: Auffälligkeiten in Gesundheit und Entwicklung bei SchulanfängerInnen `09/`10 nach Erstsprache

Quelle: eigene Berechnung und Darstellung, Datenbasis: SEU Bochum, Essen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Herten `09/`10
Die detailreiche interkommunale Bestandsaufnahme befasste sich darüber hinaus auch mit Fragen der Beziehung von Sozialstatus und ethnischer Zugehörigkeit, der Nutzung von Kindertagesstätten sowie mit der Ausprägung kleinräumiger bzw. stadtteilbezogener Unterschiede in der Region.
Erfahrungsaustausch als „Schrittmacher“ für Verbesserungen
Die gesammelten und aufbereiteten Untersuchungsergebnisse stellten einen wertvollen „Steinbruch“ für die weitere interkommunale Planungsarbeit dar, und noch während der Analysephase wurden erste Resultate auf dem dritten KOMM-IN-Workshop am 8. Februar 2011 vorgestellt und diskutiert.
Ganz entscheidend für die erhofften Fortschritte beim Umgang mit der Problematik „Kindergesundheit und –entwicklung“ war aber auch praktisches Expertenwissen, das in den gemeinsamen Workshops sowie in den Gesprächsrunden der jeweiligen Kommunen ausgetauscht wurde. Hier wurden Beispiele für eine gelungene Nutzung der lokalen Untersuchungserkenntnisse in den Bereichen „Erhebung und Auswertung“, „Berichterstattung und Kooperation“ sowie bei „Praktischen Umsetzungen und Maßnahmen“ aufgezeigt, die für andere Kommunen Anregungscharakter haben könnten.
Als notwendig erwies sich dabei allerdings auch die bereits angesprochene Angleichung bisher disparater Vorgehensweisen in den Kommunen zur Erfassung des Migrationshintergrundes. Es wurden hier standardisierte Fragekomplexe zum Geburtsland der Eltern, der Zuwanderungsgeschichte des Kindes sowie, mittels ethnisch differenzierter Angaben zur kindlichen Erstsprache, zum Integrationsgeschehen in der Familie entwickelt. Eine weitere wichtige Anregung, die aus den Expertengesprächen hervorging, betraf die in manchen Kommunen bereits angewandten zusätzliche Befragung zu Lebensumständen und Verhalten der Kinder. Die Stadt Mülheim zum Beispiel eruierte auf diesem Wege u.a deutliche negative bzw. positive Auswirkungen des kindlichen Fernsehkonsums einerseits, der Aktivität in einem Sportverein andererseits. Im Rahmen des Projektes wurde eine Synopse solcher zwischen sozialer Lage und Gesundheitszustand „vermittelnder Faktoren“ erstellt und darauf aufbauend ein Katalog von Zusatzfragen zu den Bereichen „Wohnen“, „Gebrauch elektronischer Medien“, „Sport und Bewegung“, „Bildung/Kultur“ und „Passivrauchen“ geschaffen.
Eine große Bandbreite von Vorgehensweisen wurde in den Berichts- und Kooperationsbeziehungen der Kinder- und Jugendmedizinischen Dienste dokumentiert. Hier zeigten sich zum Einen Unterschiede zwischen kommunalem und kreisweitem Agieren, aber auch die Prägung durch die jeweils lokale Szene der Akteure war entscheidend. Besonders herausragende Einrichtungen wie die Recklinghäuser „Runden Tische“ zur Kindergesundheit, gleichsam eine „Gesundheitskonferenz im Kleinen“, oder das Essener „Kinderbüro“, eine einzigartige Einrichtung des lokalen Jugendamtes, wurden ausführlich präsentiert.
Keine „Lösungen von der Stange“ – aber Anregungen durch eine Vielzahl praktischer Maßnahmen
Wie auf lokale Herausforderungen individuell reagiert werden kann, demonstrierte schließlich auch die Sammlung der vielfältigen in den Expertengesprächen vorgestellten praktischen Projekte zur Verbesserung der Gesundheit und der Entwicklung von Zuwandererkindern.
Diese konnten sich bspw. auf bestimmte Schwerpunkte der Kindergesundheit beziehen: In Herten im Kreis Recklinghausen initiierte die Ärztin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes aufgrund ihrer Befunde bereits vor zehn Jahren eine gezielte Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen, bei deren Evaluation die Schuleingangsuntersuchungen eine große Rolle spielen. Die Stadt Essen führte mit fünfzehn besonders betroffenen KiTas ein präventives Ernährungs- und Bewegungsprogramm zum Thema Adipositas durch, das die Eingangsuntersuchungen ebenfalls zur Erfolgskontrolle heranzog.
In einigen Städten, so zum Beispiel in Mülheim an der Ruhr, gibt es direkt mit der Eingangsuntersuchung verknüpfte Projekte: Das Mülheimer Gesundheitsamt beschenkt Schulanfänger mit Bilderbüchern, um sie, flankiert von einem Malwettbewerb, an das Lesen und kreatives Gestalten heranzuführen. Ebenfalls in der Ruhrstadt wird den angehenden Schülern ein einjähriger kostenloser Besuch eines Sportvereins ermöglicht.
Direkt an die Zielgruppe der Zuwanderer gerichtete Maßnahmen finden sich dagegen zum Beispiel in Oberhausen, wo Ergebnisse der Eingangsuntersuchungen in die Ausbildung von Migrantinnen zu „Gesundheitsmediatorinnen“ einfließen.
Die Stadt Essen wiederum demonstriert beispielhaft, wie die Berichterstattung zu den Ergebnissen der Schuluntersuchungen eine umfassendere „Gesamtstrategie“ zu initiieren hilft: Der Rat der Stadt hat dort eine Initiative zur Bekämpfung der Kinderarmut gestartet, entsprechend stand die von Jugendamt und Gesundheitsamt durchgeführte 2. Kinderschutzkonferenz unter dem Thema „Kindergesundheit“.
Erfolgreiche „Schritte“ auf dem Weg zu gesunden Migrantenkindern nicht nur an der Ruhr – durch Schaffung von Transparenz und nachhaltigen Kooperationsstrukturen
Die quantitative Auswertung der Datensätze zu den Schuleingangsuntersuchungen der Kommunen und die mehr qualitativ orientierte Evaluation der Expertengespräche fanden Eingang in einen ausführlichen Projektbericht, der auf dem Abschluss-Workshop am 27.April lebhaft diskutiert wurde. Ebenfalls auf dieser Veranstaltung fanden die Verabredungen statt für die Zusammenfassung des Berichts in einer prägnanten und publikumsfreundlichen „praktischen Handreichung“ sowie für die Fortsetzung der begonnenen intra- und interkommunalen Kooperationen. Die Projektmacher sahen sich am Ende in ihrem Ziel bestätigt, über die Nutzbarmachung bestehenden Datenmaterials und das Aufzeigen erprobter Handlungsansätze individuelle Lösungen für die Kommunen zu erleichtern. In ihrem Abschlußbericht zur KOMM-IN-Förderung unterstrichen sie aber auch, dass das Projekt dank des in Zusammenarbeit mit der LIGA NRW geschaffenen landesweit übertragbaren Standards zur Erfragung kindlicher Zuwanderungsbiographien allen nordrhein-westfälischen Gemeinwesen zugute kommen kann.
Projektbericht
Ansprechpartner:
Herr Volker Kersting
Referat V.1 – Stadtforschung und Statistik
der Stadt Mülheim an der Ruhr,
Tel.: 0208/455-6800,
Fax: 0208/455-586800,
e-mail. Volker.Kersting@stadt-mh.de,
online: www.muelheim-ruhr.de
Herr Özay Vural
Koordinierungsstelle Integration
der Stadt Mülheim an der Ruhr,
Tel.: 0208/455-1532,
Fax: 0208/455-581532,
e-mail. Oezay:Vural@stadt-mh.de,
online: www.muelheim-ruhr.de
