KOMM-IN stellt vor: Stadt Unna
„Den Übergang Schule – Beruf gestalten!“: Wie die Stadt Unna die „Odyssee durch verschiedene Maßnahmen“ bei der Berufsvorbereitung zugewanderter Jugendlicher beenden will.
- Auf der Schwelle zwischen Schule und Arbeitswelt – eine besondere Herausforderung nicht nur für zugewanderte junge Menschen
- Auch eine Frage der Demografie: Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel als wachsende Problemszenarien
- Die Entscheidung, gegenzusteuern: eine umfassende lokale Bestandsaufnahme mithilfe des Förderprogramms KOMM-IN
- Mit System in den „Maßnahmedschungel“
- Der Bericht der universitären Forschungsgruppe – „Fundgrube“ zur Situation in Unna und ergiebiger „Steinbruch“ bei der Planung kommunalen Handelns
- Entscheidend für den Erfolg: die Rolle der Kommune
- Ansprechpartner
Auf der Schwelle zwischen Schule und Arbeitswelt – eine besondere Herausforderung nicht nur für zugewanderte junge Menschen
Auch für die Kreisstadt Unna gilt, was die „Autorengruppe Bildungsberichterstattung“ beim Werdegang junger Menschen nach der Beendigung der Sekundarstufe I als bundesweiten Trend erkannt hat: “Mit steigenden Qualifikationsforderungen an Jugendliche bei einer gleichzeitig angespannten Ausbildungsmarktlage sind die Übergänge vieler Jugendlicher in das Berufsleben durch Instabilität und Vielfalt, Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage, Passungsprobleme und ausgedehnte Such- und Orientierungsphasen geprägt.“
Trifft dies grundsätzlich auf alle Jugendlichen zu, so stellt sich die Situation bei jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus naheliegenden Gründen noch verschärft dar: Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt Unna weist darauf hin, dass der Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen in Deutschland bekanntermaßen stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern abhängt und dass Zuwandererkinder, die zudem nicht über angemessene Deutschkenntnisse verfügen und Informationsmöglichkeiten nicht ausreichend zu nutzen imstande sind, beruflich chancenlos bleiben. Die seit Jahren beobachteten landesweit sinkenden Ausbildungszahlen von Jugendlichen mit ausländischem Pass sprechen für sich.
Auch eine Frage der Demografie: Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel als wachsende Problemszenarien
Lag der Ausländeranteil an Unnas Schulen im Oktober 2009 offiziell bei 7,8%, war die Quote von Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund bedeutend höher zu veranschlagen.
Die Statistik zeigt, dass im Jahre 2008 noch ein Viertel der Unnaer Bevölkerung jünger als 25 Jahre war. Bis zum Jahre 2025 sind dagegen im Zuge des demografischen Wandels ein Anstieg des Durchschnittsalters von 42,8 auf 47 Jahre sowie ein Bevölkerungsrückgang um 12% zu erwarten. Eine sich verstärkende Bildungs- und Ausbildungsbenachteiligung junger Zuwanderer trüge einerseits also auch erkennbar zu vermehrter Arbeitslosigkeit bei, gleichzeitig träfe diese auf eine durch eine geringe Zahl von Menschen im Erwerbsalter geprägte alternde Gesellschaft, deren hoher Bedarf an ausgebildeten Fachkräften ebenfalls unversorgt bliebe.
Die Entscheidung, gegenzusteuern: eine umfassende lokale Bestandsaufnahme mithilfe des Förderprogramms KOMM-IN
Die erkannte Problemlage veranlasste den Integrationsbeauftragten der Stadt Unna, die örtliche Situation konkret in den Blick zu nehmen und eine Suche nach Lösungsmöglichkeiten in Gang zu bringen. Konzeptionelle Grundlage waren dabei die im Rahmen von KOMM-IN-Förderungen bereits entwickelten Integrationsleitziele des Kreises Unna, die in den Handlungsfeldern „Bildung und Erziehung“ und „Arbeitswelt“ die „Verbesserung der schulischen Qualifizierung und sozialen Integration von interkulturellen Kindern und Jugendlichen“ sowie die „Förderung der Berufsausbildung und –tätigkeit interkultureller Jugendlicher und Erwachsener“ vorsehen.
Im Sommer 2009 wandte sich schließlich der Integrationsrat der Stadt unter Federführung des Integrationsbeauftragten an das „Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS)“ der Universität Osnabrück mit der Bitte, „den Übergang von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Arbeitswelt sowie vorhandene Unterstützungsstrukturen in der Stadt Unna zu untersuchen.“
Wesentlicher Beweggrund für die Heranziehung externen Sachverstands war die starke Vermutung, dass auch in Unna „Übergangsverläufe und Maßnahmestrukturen durch Intransparenz gekennzeichnet sind“ und Kooperation und Vernetzung der Akteure insgesamt erst wenig systematische Organisation aufweisen. Wo es also des Zugriffs von Experten bedarf, Überblick zu erlangen, haben Schüler und Eltern zunächst kaum Chancen, sich zurecht zu finden.
Geplant war, nach erfolgter Bestandsaufnahme des Übergangsgeschehens in Unna existierende Stärken und Problembereiche zu diskutieren, um ein zukünftig abgestimmtes Vorgehen aller wichtigen Akteure zu erreichen und damit Transparenz und Effektivität der Maßnahmen zu gewährleisten.
Mit System in den „Maßnahmedschungel“
Die anstehende „Analyse des lokalen Übergangsgeschehens“, so der Untertitel der später vorgelegten Studie, hatte sich der Tatsache zu stellen, dass seit den 1990er Jahren neben das duale Ausbildungssystem und das Schulberufssystem als traditionelle Berufsvorbereitungen verstärkt eine Vielzahl von Bildungs- und Fördermaßnahmen getreten ist, die es Jugendlichen nach Beendigung der allgemeinbildenden Schulen ermöglichen, ihre berufsvorbereitenden Kompetenzen zu verbessern, ggf. auch einen allgemeinen Schulabschluss nachzuholen, ohne aber zu einem anerkannten Ausbildungsabschluss zu führen.
Zu den Akteuren dieses Übergangssystems in Unna gehören im wesentlichen allgemeinbildende Schulen, Berufskollegs, Bildungs- und Jugendberufshilfeträger, die Arbeitsagentur, ARGE, die Kammern, die Stiftung Weiterbildung des Kreises sowie diverse ehrenamtliche Initiativen.
Um hier einen Pfad in das Dickicht zu bahnen, mithin das Übergangs-„System“ als solches erkennbar werden zu lassen, bedurfte es einer methodisch-strategisch fundierten Vorgehensweise. Das Team der Universität Osnabrück ging dabei in drei Schritten vor: Zunächst wurde anhand von Online-Recherchen und telefonischen Anfragen eine Bestandsaufnahme der aktuellen Angebote im Übergangsbereich durchgeführt, bei besonderer Ausrichtung auf die Gruppe der Zuwanderer. Adressaten waren die beiden Unnaer Realschulen, die zwei Gesamtschulen und die lokale Förderschule, des weiteren ARGE und Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer sowie 26 Organisationen aus den Bereichen Wohlfahrt, Jugendsozialarbeit, Bildung und Weiterbildung. Es folgte, mit Unterstützung der einschlägigen Institutionen und Akteure, eine quantitative Datenerhebung, die Auskunft gibt über das konkrete Übergangsgeschehen Jugendlicher in Unna. Dabei ging es um Zahlen zur Schulbildung, die Chancen am Arbeitsmarkt, die Präsenz der Jugendlichen in Qualifikationsmaßnahmen und ihren weiteren Verbleib im Verlauf ihrer Ausbildungskarriere, wobei wiederum jungen Zuwanderern ein verstärktes Augenmerk galt. Das statistische Material wurde von Trägern, die berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen oder andere Übergangsprojekte anbieten, zur Verfügung gestellt oder konnte aus Schul-, Berufskolleg- und Ausbildungsmarktstatistiken destilliert werden.
Ergänzend wurden in einem weiteren Schritt 16 Experteninterviews mit Akteuren der genannten Institutionen sowie Vertretern der Berufskollegs und des Integrationsrates geführt, welche praxisnah Auskunft gaben über die Stärken, Schwächen und Bedarfe besonders Migrantenjugendlicher. Abgefragt wurden auch Motive und Wünsche der Akteure selbst und ihre generelle Einschätzung des Übergangssystems.
Der Bericht der universitären Forschungsgruppe – „Fundgrube“ zur Situation in Unna und ergiebiger „Steinbruch“ bei der Planung kommunalen Handelns
Aufgrund des umfassenden Zugriffs der Analyse konnte im Abschlussbericht wunschgemäß ein umfangreicher Fundus an quantitativem Datenmaterial verfügbar gemacht und wichtige situative Bewertungen verschiedenster Akteure in die Diskussion gebracht werden. Erster –grundsätzlich erfreulicher- Befund: In Unna existierten zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Vielzahl von schulischen Aktivitäten sowie außerschulischer Qualifizierungs- und Unterstützungsangebote, die Jugendlichen zur Verfügung stehen. Es bestätigten sich aber die vermuteten Leistungsgrenzen insbesondere der schulischen Beratung: Berufsorientierung der Schulen spielt sich im Bereich zusätzlich geleisteter ehrenamtlicher Arbeit ab, Vielfalt und Komplexität der Angebotsstrukturen kann deshalb nur sehr bedingt Rechnung getragen werden. Anders als ursprünglich vermutet wurden im Raum Unna bereits seit einigen Jahren Anstrengungen zur Bündelung und Vernetzung berufsorientierender und übergangsbezogener Aktivitäten unternommen, für den schulischen Bereich bspw. in Form einer laufenden Untersuchung der Sozialforschungsstelle Dortmund, auf der Ebene der Orientierungs- und Übergangsmaßnahmen in Gestalt des Projektes „Regionales Übergangsmanagement Schule-Beruf im Kreis Unna – Zentrale Koordinierungsstelle Kreis Unna“, das auch für die Stadt Unna wichtige Arbeit leistete. Bezeichnenderweise konnte dieses Unternehmen nach dem Ausbleiben von Fördergeldern nach 2008 nicht mehr fortgeführt werden. Der Wunsch nach Fortführung bzw. Neueinrichtung einer steten lokalen Koordinierungsstelle wurde vielfach geäußert. Zur Vernetzung der Aktivitäten ist statistische Transparenz unabdingbar; die umfangreiche Sammlung des Datenmaterials zeigte aber, dass kein einheitlicher, kompatibler und leicht zugänglicher Datenpool zum Übergang Schule-Beruf in Unna vorliegt. Weiteres Manko ist her auch das Fehlen verlässlicher Statistiken zu Menschen mit Migrations-Hintergrund im umfassenden Sinne: ein allgemeines Problem jeglicher „Ausländerstatistik“. Hieraus ergibt sich die Forderung nach einem auf der Datensammlung der Untersuchung aufbauenden nachhaltigen Übergangsmonitoring zur Situation an Schulen, bei Maßnahmeträgern, Berufkollegs und am Ausbildungsmarkt, das den Werdegang der Jugendlichen und ihren Verbleib nach Maßnahmedurchlauf verzeichnet. Aus der Vielzahl individueller Befunde der quantitativen und qualitativen Erhebungen destillierten die Projektanten eine Reihe weiterer Forderungen an die künftige Arbeit in Unna:
- Berufliche Orientierung sollte frühzeitig in hierfür besser gerüsteten Schulen beginnen,
- Das Elternhaus muss in den Berufsfindungsprozess stärker einbezogen werden
- Berufliche Orientierung erfordert eine engere Zusammenarbeit mit Ausbildungsbetrieben
- Da die Belange zugewanderter Jugendlicher von den meisten Akteuren nicht als eigener Problembereich identifiziert werden, obliegt hier der Kommune eine besondere Pflicht zur Moderation
- Angesichts häufig thematisierter sprachlicher Probleme und solcher der kulturellen Mentalität muss ein vorurteils- und stereotypfreies Bewusstsein für die spezifischen Situationen zugewanderter junger Menschen geschaffen werden, eine Thematik, für die auf Erfahrungen in Projekten wie XENOS/JUDIKA, das bei IN VIA angesiedelt ist, zurückgegriffen werden kann.
Entscheidend für den Erfolg: die Rolle der Kommune
Die Stadt Unna war nicht nur Auftraggeber der Expertise zum Übergangsgeschehen in der Kreisstadt, ihr kommt auch eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung des Erkannten in strukturelle Prozesse zu. Obwohl eingeräumt wird, dass die Kommune keinen direkten Einfluss auf die schulische Situation Jugendlicher hat, konnten die Autoren der Studie doch mit Optimismus „Kernempfehlungen“ aussprechen, die eine nachhaltige Moderatorenfunktion der Stadt implizieren: Hier geht es vor allem um die genannte Koordinierung und Bündelung von Akteuren und Angeboten und die Entwicklung eines wirkungsvollen Monitoringapparats.
Parallel zur Studie und den Empfehlungen der Universität Osnabrück wurde das Thema „Übergang Schule-Berufsausbildung/Studium“ im Februar 2010 auch im Rahmen eines kommunalen Integrationsworkshops bearbeitet. Auch hier wurde gefordert, Berufsorientierung zu forcieren und zu einem eigenen Unterrichtsfach , wenigstens aber zum festen Stoff geeigneter Fächer zu machen, auch die stärkere Einbindung der Eltern wurde angemahnt. Innovativ ist die Planung eines Einsatzes von „Ausbildungspaten“ zur Unterstützung zugewanderter Jugendlicher. Über die Schulleitungen und das „Forum Generation Unna“ sollen jährlich 10 neue Paten gewonnen werden, die in Zusammenarbeit mit den Schulen Jugendliche begleiten und beraten.
Das Erstprojekt der Stadt Unna konnte in seinem „doppelten Zugriff“ mittels Expertenstudie und dem Workshop für die kommunalen Entscheider schnell wirksam werden: Die Analyseergebnisse wurden umgehend dem Jugendhilfeausschuss, dem Ausschuss für Soziales und Senioren sowie dem Integrationsrat vorgelegt. Im November 2010 begann die Diskussion der Ergebnisse auf einer gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse. Auch fand eine fachliche Diskussion mit den Akteuren des Übergangssystems statt.
Gemäß Abschlussbericht der Projektverantwortlichen sahen zum Berichtszeitpunkt alle Beteiligten den noch ausstehenden Veröffentlichungen, Diskussionsrunden und der geplanten Arbeitsgruppe zur weiteren Auswertung der Befunde erwartungsvoll und mit großer Motivation entgegen.
Ansprechpartner
Herr Bischoff
Tel.: 02303/103687
Fax: 02303/103503
e-mail: heinz.bischoff@stadt-unna.de,
Herr Steffen
Tel.: 02303/103558
Fax: 02303/103503
e-mail: ulrich.steffen@stadt-unna.de
