Bezirksregierung Arnsberg

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Kindliche Mehrsprachigkeit. Grundlagen-Störungen-Diagnostik, München

Buch:
Chilla, S., Rothweiler, M. & Babur,E. (2010)
138 S., 10 Abbildungen, 5 Tabellen,  € 19,90
Kindliche Mehrsprachigkeit. Grundlagen-Störungen-Diagnostik, München
München: Ernst Reinhardt

Die Autorinnen,  Prof. Dr. Chilla (geb. Kroffke), Prof. Dr. Rothweiler und die Lehrerin Ezel Babur haben im Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg zusammengearbeitet; viele gemeinsame Veröffentlichungen und Tagungsbeiträge zeugen von dieser intensiven wissenschaftlichen Tätigkeit. Ezel Babur, die bis zum 23. Lebensjahr in der Türkei aufgewachsen ist, kann die regulären sprachlichen Veränderungsprozesse beurteilen, die sich in der Migration einstellen. Mit der Aneignung der deutschen Sprache kann sie die Forderung nach "bilingual clinicians sowie bilingual co-workers" nachkommen (vgl. Kracht, 2003) und die sprachlichen Leistungen bewerten, die mehrsprachige Kinder in ihren Familiensprachen erbringen.
Die wissenschaftlichen Befunde des Sonderforschungsbereichs sind eine wichtige Grundlage dieses Buches und in ausgewiesenen Veröffentlichungen nachzulesen. Hier geht es den Autorinnen eher um eine allgemeinverständliche Darstellung ihrer Erkenntnisse, die sie einer breiten Leserschaft didaktisch wohl überlegt erläutern. Die Materie ist so aufgearbeitet, dass auch komplexe Sachverhalte nachvollziehbar erklärt werden. Die Autorinnen erläutern ihre Ausführungen durchgängig mit Beispielen und fügen Übungen an, mit der die Leser ihr Wissen anwenden können. Lösungshilfen finden sich am Ende des Buches.
Die Erfahrung, dass die Entwicklung der Mehrsprachigkeit in Stufen, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo verläuft, belegen die Autorinnen mit aktuellen Untersuchungen. Sie zeigen Charakteristika des Sprachgebrauchs bei mehrsprachigen Kindern auf, wobei das Kontinuum der Sprachmodi besonders beachtenswert erscheint, zeigt es doch die großen kommunikativen Fähigkeiten der mehrsprachigen Kinder auf.
Die Definition von Sprachstörung im Kontext von Mehrsprachigkeit ist sehr komplex, da es von vielen Faktoren abhängt, ob und wie Abweichungen wahrgenommen werden.
Hier werden die typischen Variationen der Aneignung beschrieben, die mit dem Beginn des Kontaktes mit der Zweitsprache sowie der Intensität und der Qualität des Inputs in Verbindung stehen. Demnach sind vielfältige Faktoren zu beachten um zu entscheiden, ob Erwerbsauffälligkeiten in der mehrsprachigen Aneignung erwartbar sind oder auf eine genuine Spracherwerbsstörung hinwiesen. Die Forschung hat im Bereich der Syntax einige charakteristische Einflussfaktoren gefunden, insgesamt fehlt jedoch ein umfassendes Modell "des" Mehrsprachenerwerbs (vgl. 85).
Wenn es für spezifische Sprachentwicklungsstörungen eine genetische Grundlage gibt, so ist zu erwarten, dass im gleichen Maße mehrsprachige wie einsprachige Kinder betroffen sind. Hierfür sprechen Untersuchungen. Es zeigt sich, dass Kinder mit im engeren Sinne spezifischen Sprachentwicklungsstörungen im Bereich der Grammatik sprachtypische Abweichungen in allen ihren Sprachen aufweisen.
Sprachpädagogische Diagnostik muss berücksichtigen, dass sich die Bilingualität nicht als Summe der Sprachen darstellt, sondern sich in Wechselwirkung mit vielfältigen Faktoren zu individuelle Sprachbiographien ausformt. Die Rekonstruktion dieser Biographien ist dadurch erschwert, dass für viele Sprachen noch keine Erhebungsinstrumente vorliegen. Selbst wenn Verfahren für bestimmte Sprachen entwickelt wurden, so muss berücksichtigt werden, dass die Sprachen in der Migration spezifische Veränderungen erfahren. Erhellend für die Sprachbiographie der Kinder können Elterngespräche sein, für welche die Autorin Chilla ein Diagnostikum entwickelt (in Vorbereitung). Auszugsweise erscheint hier im Vorabdruck eine Tabelle mit Leitfragen für ein Elterngespräch auf Deutsch  und auf Türkisch (104-106).
Chilla stellt ein Ablaufdiagramm für ein strukturiertes Vorgehen beim Verdacht einer SSES bei mehrsprachigen Kindern vor. Das Diagramm ist Teil des Diagnostikums BilSES, das unter Mitarbeit von Ezel Babur entwickelt wird.
Das Buch ist sehr übersichtlich gestaltet. Beispiele, Übungen, Zusammenfassungen und Abbildungen sind eindeutig markiert. Zu speziellen Fragestellungen gibt es Exkurse, die durch Schattierunghervorgehoben sind und auf spannende Weise dem Leser neue Perspektiven aufzeigen: "Werden mehrsprachige Kinder klüger oder dümmer als einsprachige?" "Sprechende Hände?" "Semilinguismus - Doppelte Halbsprachigkeit" „Powergirls & Kanak-Sprak" "In zwei Sprachen lesen und schreiben?".
Das Buch fasst die wesentlichen aktuellen Erkenntnisse übersichtlich zusammen und gibt einen Ausblick auf noch zu bewältigende Aufgaben in der Bewertung der sprachlichen Leistungen und bei der Diagnostik möglicher Störungen der kindlichen Mehrsprachigkeit.

Ich möchte das Buch allen Pädagogen und sprachtherapeutisch Tätigen empfehlen. Mit seinem systematischen Aufbau erachte ich es auch als Lehrbuch in der Ausbildung von Pädagogen, Sonderpädagogen und Therapeuten als besonders empfehlenswert.

Dr. Rita Zellerhoff, Düsseldorf